Das Kuschelduett

„Wenn zwei sich streiten, dann freut sich das Dritte.“, versprach NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz gestern um 21 Uhr, als SPD-Ministerpräsident Erwin Sellering und CDU-Innenminister Lorenz Caffier zum angekündigten TV-Duell aufeinander trafen. 60 Minuten lang sahen die Zuschauer die beiden Spitzenkandidaten der derzeitigen Regierungsparteien. Sie wurden befragt zu den großen Themen, die Mecklenburg-Vorpommern bewegen: Abwanderung, Bildung, Arbeitslosigkeit, die Kreisgebietsreform. Zum Schluss wandten sich beide an das Publikum, um in 45 Sekunden ihre persönlichen Worte an den Wähler loszuwerden. Laut NDR-Angaben haben rund 50.000 Zuschauer die Sendung verfolgt. So weit, so gut.

Was in den 60 Minuten passierte, was eines aber ganz bestimmt nicht: Ein Streit. Ein seichtes Lob auf fünf Jahre gemeinsame Regierungsarbeit von SPD und CDU trifft es eher. Wer nicht wüsste, dass in wenigen Tagen in Mecklenburg-Vorpommern eine Wahl zum Landtag stattfinden wird, hätte es nur minimal erahnen können.

Im Vorfeld bewarb der Norddeutsche Rundfunk die Abendsendung als „spannenden und informativen Schlagabtausch der Konkurrenten“. Informationen bot die Sendung tatsächlich viel und auch im inhaltlichen Ablauf der Fragen und Themenblöcke war der rote Faden zu erkennen. Doch ein Schlagabtausch? Und dazu mit Spannung? Leider nicht. Die Erwartung, dass es für Erwin Sellering eine souveräne Bestätigung seiner guten Umfrageergebnisse wird, wurde erfüllt. Im Verlauf wird klar: Hier duellieren sich nicht Konkurrenten, sondern zwei, die eigentlich schon fest damit rechnen, wie es auch nach dem 4. September aussehen soll. Schon der Einstieg von Lorenz Caffier macht das deutlich: „Wir haben in den zurückliegenden fünf Jahren gemeinsam erfolgreiche Politik für dieses Land gestaltet.

Immer wieder das „Wir“ auf der Zunge
Wir„, „gemeinsam„, „miteinander reden„: Sellering und Caffier betonen nur zu gerne, wie prima es zwischen den beiden funktioniert. Sellering spricht von Caffier als „mein Innenminister„, den man beim Thema NPD-Verbot „lobend hervorheben“ müsse. Auf die Frage, welche Eigenschaft seinem Herausforderer denn fehlen würde, möchte der amtierende Ministerpräsidenten aus Fairnessgründen gar nicht antworten. Mehrmals versucht Moderator Cichowicz, den CDU-Spitzenkandidaten ein bisschen aus der Reserve zu locken. Doch dann kommen zuerst die Komplimente, was in den letzten Jahren erreicht wurde: Weniger Arbeitslosigkeit, ein besseres Ergebnis im Bildungsmonitoring, MV als Tourismusland – und immer wieder mit dem „Wir“ auf der Zunge. Auch bei einem der größten Vorhaben der Koalition, nämlich der umstrittenen Kreisgebietsreform, sind sich beide sicher, dass in einem Jahr „alles in Ordnung“ sein werde.

Interessanter wird es da bei den Unterschieden. Allein Sellering traut sich, hier klarere Worte zu sprechen. Zum Beispiel beim Thema Mindestlohn: Der SPD-Ministerpräsident spricht sich deutlich dafür aus und will sich im Bundesrat für eine Gesetztesinitiative stark machen. Und was entgegnet Caffier? Man brauche „Allgemeinverbindlichkeitserklärungen„. Da könnte man es schon beinahe als kleinen Angriff werten, als Sellering rhetorisch fragt, ob die CDU denn ein „anderes Frauenbild“ hätte, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ginge. Man merkt: Bildung und Soziales, hier hakt es noch ein wenig. Doch überraschend ist das nicht.

10:0 für die Landesregierung
Das war ja fast eher ein Duett und kein Duell heute Abend.„, urteilt NDR-Mann Cichowicz treffend, als er zum letzten Themenblock einlenkt: Die Frage nach der Wunschkoalition. Sellering bleibt fest dabei, dass man erst nach der Wahl schauen möchte, mit welcher Partei „mehr sozialdemokratische Politik möglich ist„. Ein klarer Wink in Richtung Linke und Grüne – denn die Option von Rot-Rot oder gar Rot-Grün ist für die SPD immer noch realistisch. Für CDU-Kandidat Caffier bleibt da gar nichts anderes übrig, als sich eine Fortführung der SPD-CDU-Regierung zu wünschen. Wie passend, dass am Ende die gemessene Redezeit beider Politiker nahezu identisch ist.

So erwartbar dieses Duell Duett ablief, so fielen dann auch die Bewertungen der Beobachter aus: Als „10:0 für die Landesregierung“ wertete OZ-Journalist Jörg Köpke die Sendung ein. Auch für SVZ-Chefredakteur Dieter Schulz war es ein „erwarteter Sieg“ vom Ministerpräsidenten. Das zeigt sich ebenso im Ranking der Zuschauer auf ndr.de: Sellering liegt mit zurzeit 57% bequem vorne, direkt im Anschluss der Sendung waren es sogar mehr als 70%.

Bleibt als Fazit zu sagen: Amtsinhaber Sellering hat sich souverän bewiesen, Herausforderer Caffier aber auch nicht schlecht geschlagen. Wenig Zoff, viel Zusammenhalt. Doch wer würde auch den Ast absägen wollen, auf dem er gerade sitzt?

Linkempfehlungen
> Zusammenfassung von ndr.de: „Kein Duell, sondern ein Duett“
> Video auf ndr.de: Das Duell in voller Länge (59:59 min)
> Unsere Livekommentierung unter twitter.com/wahlweisheiten

Ein Kommentar bei „Das Kuschelduett“

  1. […] 2011 stattgefunden und heute wie damals für wenig Aufregung gesorgt – es wurde sogar als Kuschelduett bezeichnet. Das ist für beide Kandidaten kein schlechter Ausgang, da sie ja auch in der nächsten […]

Schreibe einen Kommentar zu Warum die #ltwmv (statistisch) gelaufen ist…und warum das völlig falsch sein könnte. – zwei99.de Antworten abbrechen